Paradox
Paradox sein ist wichtig für das Leben. Es ermöglicht einem, neue Wege zu gehen und Dinge auszuprobieren. Leider versuchen wir oft einen Menschen einzuordnen und müssen dabei auf bekannte Schubladen zurückgreifen. Wir wissen gleich, “der ist so und so” und daraus folgt eine Erwartung an diese Person, sich entsprechend zu verhalten.
Die Schubladenzugehörigkeit wird aber auch gern gefeiert. Menschen versuchen gezielt ihre Identität damit zu formen, der lustige Faulpelz, der aufgedrehte Verrückte, der obsessive Musikfan oder der trendige Nerd zu sein. Es scheint, als fühlen wir uns interessanter, wenn unser Charakter so scharf gezeichnet ist, wie in einem Hollywood-Film.
Die Wahrheit ist jedoch, dass wir uns alle widersprüchlich verhalten. Das ist die Grundvoraussetzung für die Weiterentwicklung eines Menschen, denn keiner ändert sein ganzes Leben auf einen Schlag und ist ab heute “so”. Du achtest vielleicht beim Einkaufen mehr auf die Umwelt, während du in einem anderen Bereich noch Ressourcen verschwendest.
Ich bekomme regelmäßig Nutella geschenkt, weil ich früher viel davon gegessen habe und sonst sehr mäkelig war. Ich war “der, der nur Nutella ist.” Heute möchte ich mich gesünder ernähren und wünschte, die Leute würden lieber das unterstützen. Es ist auch nicht besonders anerkennend, wenn einer einem jedes Jahr das Symbol überreicht, auf das man vor Jahren spaßenshalber reduziert wurde. Und jedes Jahr muss man sich drüber freuen. “Es hat dir doch letztes Jahr so gefallen!” Besonders die Familie, die dich schon lange kennt, ist natürlich prädestiniert, in solche Fallen zu tappen.
In meinem Fall ist das alles vielleicht noch ganz harmlos und lustig, aber es kann auch schlimmer kommen. Andere stellen plötzlich Erwartungen an dich, wie du reagieren sollst. Erst sollst dich über das 100ste Geschenk mit einem Tier oder einer Comic-Figur drauf freuen, das du früher mal gut fandest. Später traust du dich dann nicht, deinen Traumurlaub am anderen Ende der Welt zu buchen, weil alle dich ja als umweltbewussten Menschen kennen. Es wird langsam anstrengender, du musst ständig aufpassen, ob nicht jemand beobachtet, wie du dich widersprüchlich verhältst und damit deine Glaubhaftigkeit verloren geht.
Aber nicht nur der Einfluss von Außen übt Druck auf dich aus. Passe genau auf, in welche Schubladen du dich selbst steckst! Sage “Ich bin immer so faul” und du fängst an, das langsam zu akzeptieren und als normal anzuerkennen. Deine Erwartungen an deine eigene Produktivität sinken – ist ja klar, du bist doch immer so faul – und die niedrige Produktivität bekräftigt: du bist faul. Wenn dann mal etwas nicht geklappt hat, war es ja klar – du bist einfach so faul. Und so kann man sich in eine Position begeben, in der man nicht mehr glaubt, dass man anders sein kann. Alle Versuche, anders zu sein, scheitern dann auch. Man wusste es ja!
Du darfst paradox sein. Achte darauf, was du in diesem Moment wirklich sein willst. Und erlaube anderen Menschen das gleiche. Sei nicht überrascht, wenn jemand heute was mag, was er gestern noch nicht mochte. Findest du deine alten Interessen überhaupt noch interessant oder verfolgst du sie nur noch aus Gewohnheit? Sei aufmerksam, sei offen.
Es gibt einen Song, der all das sehr gut und wahrscheinlich etwas kürzer und unterhaltsamer ausdrückt: